Liebscher Bracht Schmerztherapie

Die Schmerztherapie nach Liebscher und Bracht

Da sie in nur kurzer Zeit einen extrem hohen Bekanntheitsgrad im deutschsprachigen Raum erlangte und weil ich sehr viel damit arbeite ist es endlich an der Zeit etwas über die Schmerztherapie nach Liebscher und Bracht zu schreiben. Dabei gehe ich neben der grundlegenden Erklärung der Methode auch auf meine Erfahrungen und Parallelen zu anderen Therapien ein.

Die Schmerztherapie nach Liebscher und Bracht ist eine Kombination aus manueller Behandlung und aktiver, selbstständiger Mitwirkung der Patientinnen oder Patienten. Im Zentrum steht das Spannungsverhältnis von Muskeln und Faszien untereinander und im Besonderen deren Einfluss auf die damit in Verbindung stehenden Gelenke. Das dahinterstehende Denkmodell besagt, dass Schmerzen dann entstehen wenn zu hohe Spannungen auftreten, und zwar unabhängig von drohenden oder bereits aufgetretenen Gewebeschäden (wie z.B. Gelenkverschleiß). Zahlreiche Rezeptoren (verschiedene spezialisierte Nervenzellen) im Gewebe (also Muskeln und Bindegewebe) erfassen laufend dessen Spannungszustand. Wird ein zu hohes level erreicht, welches über lange Sicht einen Gewebeschaden auszulösen droht wird vom betreffenden Körperteil (jeweiliger Muskel, Faszie) ausgehend ein Reiz zum zentralen Nervensystem gesendet und als Schmerz von uns wahrgenommen. Sozusagen als Signal, dass etwas nicht stimmt. Bei L&B deshalb treffend als Alarmschmerz bezeichnet.

Der manuelle Teil beim Therapeuten (Osteopressur)

Bei der Behandlung werden Druckpunkte im Bereich der schmerzenden Körperregion eingesetzt. Dabei sind hauptsächlich die Punkte relevant, die sehr schmerzempfindlich sind, weil das bereits ein klares Zeichen dafür ist, dass der damit korrespondierende Muskel eine besonders hohe Spannung hat. Je nach Beschwerdebild variieren der Ort und die Anzahl der Osteopressurpunkte. Durch den gleichmäßig fest ausgeübten Reiz wird laut Liebscher und Bracht (L&B) ein afferenter (also zum Gehirn) Nervenimpuls ausgesendet, im Gehirn registriert und das gespeicherte Bewegungsmuster auf seinen “natürlichen Ausgangspunkt” zurückgesetzt. Der damit verbundene Tonus (Muskelspannung) wird deshalb heruntergefahren, die bereits erwähnten Rezeptoren registrieren diesen normalisierten Zustand und das vorher wahrgenommene Schmerzsignal ist somit obsolet geworden.

Meine Erfahrungen aus der Praxis

Die Beschwerdebilder die Patientinnen und Patienten in die Praxis mitbringen sind durchwegs verschieden. Entsprechend der top-gereihten Themen in unserem Kulturkreis (siehe dazu auch Schmerzen im Alltag) sind Schmerzen im Bereich Kopf-Nacken, Nacken-Schulter und im unteren Rücken sehr häufig. Ebenso regelmäßig sind die großen Gelenke des Körpers (Knie, Hüfte Schulter) betroffen, seltener Ellenbogen-, Hand- und Fußgelenke.

Dabei erstreckt sich die Bandbreite von so gut wie überhaupt keinen bis zu starken strukturellen Vorschädigungen. Also ob zum Beispiel Verletzungen an Wirbelkörpern in der Vergangenheit passiert sind oder degenerative Abnutzungen an den Gelenken diagnostiziert wurden. Hierzu ist meine Erfahrung generell, dass Schäden es natürlich definitiv nicht leichter machen und tendenziell die Dauer der Therapie länger wird. Wie aber bereits angedeutet („unabhängig von bereits bestehenden Gewebeschäden“ oben) kann aber auch hier ein sofortiger Therapieeffekt eintreten. Degenerative Veränderungen der Wirbelsäule etwa erkennen Orthopäden bei älteren Patienten wohl so gut wie täglich am MR-Bild. Nichtsdestotrotz sind viele davon beschwerdefrei. Ein klares Zeichen, dass Schäden (oder besser Veränderungen) nicht automatisch mit Schmerz gleichzusetzen sind.

Fallbeispiel

Ein besonders einprägsames Beispiel ist ein Leistungssportler mit mehrfach verletztem und operierten Knie, der unter Schmerzen beim Auf- und Abwärtssteigen sowie einer starken Schwellung litt. Die Bildgebung diagnostizierte eine Arthrose im Stadium III bis IV (also sehr starke Schäden kurz vor komplettem Knorpelverlust). Bis zum avisierten OP Termin wollte er die Schmerzen so gut wie möglich lindern und kam deshalb zu mir nach Wien. Aufgrund der massiven strukturellen Schäden im Knie waren meine Erwartungen zugegebenermaßen nicht die höchsten aber ich wollte natürlich Alles versuchen. Nach den üblichen Funktionstests und Erhebung des „range of motion“ starteten wir mit der Osteopressur am Bein. Die Behandlung verlief gut und wir verglichen erneut die Beweglichkeit. Beide staunten wir nicht schlecht als Kniebeugen plötzlich weit über 90 Grad ohne Schmerzen möglich waren und mein Patient meinte, dass die Schwellung wesentlich geringer sei. Eine Tatsache auf die ich ehrlich gesagt gar nicht so sehr geachtet habe und daher auch keine Umfangsmessung vorher vorgenommen habe.

Ein Verlauf wie ich ihn immer wieder erlebe und der meiner Meinung nach sehr gut zeigt, dass sich degenerative Schäden nicht auf Bewegungsumfang und Schmerzempfinden auswirken müssen. Aus L&B-Sicht ein Beispiel dafür wie trotz makellosem Trainingszustand (Leistungssportler) Schmerzen und Abnützungen entstehen weil die ausgeführten Bewegungen zu einseitig ausgeführt wurden und sich Muskeln und Faszien daran angepasst haben. In anderen Fällen ist oft der gesamte Tonus in einem Bereich sehr hoch ohne vorhergehende spezielle (Trainings)bewegungen. Diese sind meist eher einer monotonen Haltung geschuldet. Eine dritte Kategorie sind Patienten bei denen extreme muskuläre Ungleichgewichte bestehen. Also wenn etwa die Vorderseite des Körpers extrem trainiert oder einfach nur verkürzt ist und die Rückseite normal oder gar „muskulär verkümmert“.

Zu schnell zu viel?

Akute Überlastungen treten oft beim Ausprobieren neuer oder selten ausgeübter Sportarten auf. Die ungewohnte Belastung wirkt sich dann so stark auf die muskulär-fasziale Struktur aus, dass plötzliche Schmerzen im jeweiligen Gelenk auftreten. Hier erinnere ich mich an eine junge Frau die mit Bewegungseinschränkungen und Stechen im Handgelenk zu mir kam. Sie begann vor Kurzem mit Krafttraining (Langhantel) und hatte gerade ein intensives Wochenende am neuen Mountainbike hinter sich. Seitdem war sie in Alltag und Beruf ständig eingeschränkt. Hier brachte die Osteopressur bereits beim ersten mal eine fast vollständige Beschwerdefreiheit die auch über einen weiteren Termin hinaus dauerhaft anhielt. Ein Fall wie er auch sehr nach Sporturlauben zu beobachten ist wenn die Wetterbedingungen perfekt sind und für eine kurze Zeit im Jahr das Hobby jeden Tag mit maximalem Einsatz gelebt wird.

Verletzungen und Überlastungen der Sehnen oder der Muskulatur brauchen meistens etwas mehr Geduld. Die Schmerztherapie nach Liebscher und Bracht bringt bei einer ersten Behandlung in der Regel schon eine Verbesserung mit sich, die Regeneration des trägen (Sehnen)Gewebes benötigt aber Zeit und profitiert von anderen unterstützenden Maßnahmen u.U. sehr.

Verletzungen und andere Schmerzzustände

Generell eignet sich die Methode für den gesamten Bewegungsapparat sowie vielen, damit in Verbindung stehenden Beschwerdebildern. Beispielsweise fühlen manche Patienten schmerzhafte Einschränkungen im Brustraum, der Bauch- oder Unterleibsgegend oder sogar den Augen obwohl diese ohne Befund blieben. Selbst in solchen Fällen liegt die Ursache nicht selten in faszialen Verklebungen, die durch wiederkehrende oder dauerhafte Spannungsmuster entstehen und sich beinflussen oder beseitigen lassen.

Aus meiner bisherigen Erfahrung kann ich sagen, dass bei besonders starken Verkürzungen und Überspannungen der Effekt nach erfolgreicher Osteopressur am deutlichsten ist. Eine andere Haltung und/oder Bewegungsspielraum bringen dann meistens eine völlig neue Wahrnehmung für den Menschen, besonders nach einer langen Vorgeschichte.

„überhaupt nichts Neues und sowieso nur bessere Triggerpunkte…“

…sagen manche die der Schmerztherapie nach Liebscher und Bracht kritisch gegenüberstehen. Und dafür habe ich durchaus Verständnis! Techniken bei den manuell am Körper gearbeitet wird gibt es schließlich schon seit Jahrhunderten. Verschiedenste Techniken der Massage, insbesondere Nuad, Shiatsu oder Tuina üben gezielten Druck auf spezielle Punkte aus um durch Deblockierung des Energieflusses Schmerzen des Bewegungsapparates und funktionelle Beschwerden der Organe aufzulösen.

Ganz besonders werden aber die recht bekannten und therapeutisch weitverbreiteten myofaszialen Triggerpunkte bzw. die Triggerpunkttherapie im Vergleich zu L&B angeführt. Kein Wunder, denn bei beiden wird intensiver Druck auf Punkte ausgeübt und das konstant und über Sekunden (Minute(n)). Und selbst das Zielorgan ist dasselbe, nämlich Bindegewebe und Muskeln. Bei den Triggerpunkten handelt es sich um kleine, knötchenförmige oder manchmal stranghafte Verhärtungen in Faserbündeln der Muskulatur (aber auch im Bindegewebe bei chronischem Auftreten der Kontraktion) die hauptsächlich mit Druck aber auch anderen Techniken gelöst werden. Sie schmerzen oft am Punkt selbst, dem Muskelansatz (Bereich an dem der Muskel am Knochen endet) oder an anderen Orten, indem sie ausstrahlen („referred pain“).

Druck wird gezielt auf Punkte am Knochen ausgeübt und so ein Reiz ans zentrale Nervensystem gesendet. Der Schmerz lässt in der Regel relativ rasch nach.

Osteopressurpunkte liegen im Vergleich dazu, der Name verrät es bereits, am Knochen und zielen auf die Rezeptoren im Periost (Knochenhaut) ab. Die intensiven Punkte sind ziemlich konstant in ihrer Lage und entfalten die Wirkung wenn sie mit der richtigen Intensität und Richtung behandelt werden. Auch wenn es sich also grundsätzlich um verschiedene Techniken handelt kann eine nachfolgende Kombination oft durchaus sinnvoll sein.

Aktive Mitarbeit und Selbstmanagement

Neben dem therapeutischen Teil, der Osteopressur, der besonders die Schmerzreduktion im Fokus hat bilden intensive (zeitlich extensive) „Engpassdehnungen“ den präventiven Kern der Methode. Einschränkungen werden durch gezielt ausgewählte Übungen auf Dauer minimiert. Diese bilden einen spezifischen Ausgleich zu immer wiederkehrenden Bewegungsmustern und Haltungen oder auf andere Weise entstandenen Spannungsmustern. In der problembezogenen Übungsauswahl liegt eine besondere Stärke. Vielleicht kommen dir viele Übungen aus Yoga (was ich persönlich super finde) oder anderen Kursen bekannt vor. Jedoch bringt die zielgerichtete Anwendung und vor allem die Intensität die ausschlaggebende Effizienz.

Die Übungen bieten neben der reinen körperlichen Aktivität aber noch viel mehr Vorteile. Die Menschen erlernen generell viel über die achtsame Ausübung von Bewegungen, die Anatomie des (eigenen) Körpers und können bei regelmäßiger Ausübung über ihr Gespür Vergleiche ziehen wie sich zu verschiedenen Zeitpunkten die Übungen ausführen lassen. Eine Art (nicht medizinischer) Selbstdiagnose und ein wichtiger Beitrag für die Selbstwahrnehmung des Körpers. Dieses vermehrte Gespür bringt auch im Falle neu aufgetretener Beschwerden des Bewegungsapparates mehr Möglichkeiten für Selbsthilfe und -kontrolle anstatt in einen Dauerzustand der Schonung zu versinken.

Ergänzend bringt der Einsatz von Hilfsmitteln, allem voran den „Faszienrollen- und Kugeln“ eine zusätzliche, einfache Option Eigeninitiative zu zeigen und sich um den eigenen Körper zu kümmern.

Wo liegen die Grenzen?

Diese Frage ist bei konservativen Maßnahmen generell nicht pauschal zu beantworten und hängt sicher auch davon ab wem man sie stellt. Tatsache ist natürlich, dass es zahlreiche Fälle gibt, wo man therapeutisch gesehen machtlos ist. Etwa bei schweren Defekten und Deformierungen der Gelenke, Knochen und Weichteilgeweben wie sie nach Unfällen auftreten.

Bei Band-, Sehnen und ganz besonders Knorpelschäden gehen die Meinungen stark auseinander und es ist derzeit einiges im Umbruch bei diesem Thema was Erkenntnisse und Forschungsergebnisse angeht. Den Rahmen dieses Beitrages würde es zwar definitiv sprengen. Aber ganz abgesehen von der Möglichkeit die Knorpelregeneration anzuregen ist eine Verbesserung der Gelenksfunktionalität auf jeden Fall möglich (siehe vorhergehendes Fallbeispiel). Und das muss ohnehin die Grundvoraussetzung sein. Wichtig ist vor allem die Erkenntnis, dass erhöhte Spannungsverhältnisse des Weichteilgewebes einen wesentlich größeren Anteil am Schmerzgeschehen und degenerativen Veränderungen des Stützapparates haben als noch vor (wenigen) Jahren angenommen. Demnach ist ganz unabhängig vom Zustand eine Normalisierung der Spannung wichtig weil sie nicht nur eine Entlastung passiver Strukturen ermöglicht sondern weil sie auch den Flüssigkeitstransport (in den Gefäßen und extrazellulär) verbessert. Wie immer gilt es im Zweifelsfall individuell vorzugehen und alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Das menschliche Potential sollte man ohnehin nicht unterschätzen 😉

Schlussendlich kann ich mit ruhigem Gewissen behaupten, dass ich froh über die Liebscher & Bracht Ausbildung bin. Aufbauend auf eine medizinische Grundausbildung liefert sie mir eine besonders wertvolle Sichtweise auf das Thema Schmerz. Die empirisch entwickelte Methode hat nichts mit Magie oder dergleichen zu tun, auch wenn – wie so häufig in der Therapie – die Wirkungsweise (noch) nicht vollständig erklärt ist. Besonders die Kombination aus effektiver Behandlung und der langfristigen Option selbst präventiv in die Offensive zu gehen ist, denke ich, der entscheidende Grund für das positive Feedback.

Wenn dir jetzt noch spezielle Fragen auf der Zunge brennen schreib mir doch einfach einen Kommentar und ich werde sobald wie möglich antworten. Oder du bist jetzt neugierig geworden und willst L&B unbedingt ausprobieren, dann klick einfach auf Terminbuchung. Um in Zukunft keine weiteren Artikel zu verpassen trag dich einfach hier ein und schon bekommst du eine Nachricht darüber.

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Christoph - 10. December 2019

Sehr informativer Artikel lieber Flo… Jetzt versteh ich das auch um einiges besser… Danke… Mehr davon 😉

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    Florian Muehlboeck
    Florian Muehlboeck - 10. December 2019

    Danke und gern! Habe noch einiges an interessanten Ideen auf der Liste. Bei Wünschen zu Themen gerne hier fallen lassen 😉

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Robert - 10. December 2019

Sehr informativ und verständlich geschrieben!

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    Florian Muehlboeck
    Florian Muehlboeck - 10. December 2019

    Danke Robert!!

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Christa - 12. December 2019

Sehr professionell aber trotzdem verständlich erklärt. Gratulation!👍
Aus deinem Bericht geht auch hervor, dass du du deinen Beruf mit Freude und Hingabe ausübst!

Mach weiter so!
Christa

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    Florian Muehlboeck
    Florian Muehlboeck - 12. December 2019

    Danke für die lobenden Worte Christa! Ja der Job macht Sinn, also macht er auch Freude!
    lg, Florian

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Monika - 13. December 2019

Ein sehr informativer und ausführlicher Beitrag. Für mich als Laien absolut verständlich und einleuchtend.
LG Monika

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    Florian Muehlboeck
    Florian Muehlboeck - 14. December 2019

    Danke Monika, es ist auch noch mehr in Planung 😉
    lg, Florian

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